Wie die Medien berichten, hat die Musikindustrie am Samstag, den 26. April, anlässlich des Tages des so genannten „geistigen Eigentums“ in mehreren überregionalen Zeitungen eine ganzseitige Anzeige mit einem offenen Brief an die Bundeskanzlerin geschaltet, der sich für Internetzensur und noch härtere Strafen gegen jugendliche Tauschbörsennutzer einsetzt.
Zu meinem Entsetzen haben dieses lobbyistische Machwerk neben den üblichen Verdächtigen auch einige Personen unterzeichnet, deren Arbeiten ich durchaus schätze: Fatih Akin, BAP, Klaus Doldinger, Dietrich zu Klampen, Joachim Król …
Da frage ich mich: Haben diese Leute sich nicht genauer informiert, was sie da unterschrieben haben?
Eine kleine Blütenlese:
So wurden allein im vergangenen Jahr in Deutschland über 300 Millionen Musikstücke illegal aus dem Internet heruntergeladen.
Eine Quelle dafür nennt der Brief nicht. Kein Wunder! Das ist eine reine Lobbyisten-Behauptung.
Und obwohl damit nicht nur die Betroffenen, sondern auch die Allgemeinheit durch Steuerausfälle und Arbeitsplatzverluste geschädigt werden, schaut der Staat bisher nahezu unbeteiligt zu.
Wie kommt die Musikindustrie eigentlich darauf, dass die Leute, wenn man Copyright-Verstöße intensiver verfolgt und härter bestraft, mehr CDs oder kostenpflichtige Downloads kaufen werden? Sie werden wahrscheinlich eher weniger Musik hören. Und selbst wenn sie mehr Geld für Musik-Konserven ausgeben würden, müssten sie das irgendwo anders einsparen. Wie dadurch mehr Arbeitsplätze oder höhere Steuereinnahmen entstehen sollen, ist mir schleierhaft.
Und die Behauptung, der Staat schaue „bisher nahezu unbeteiligt“ zu, ist ein schlechter Witz. Was ist in den letzten beiden „Körben“ der „Reform“ des Urheberrechts nicht alles an Regelungen zugunsten von Musikindustrie und Verlagen eingeführt worden. Am unsinnigsten davon ist das Verbot der Umgehung von „wirksamen Kopierschutztechniken“, das dazu führt, dass ich zum Teil Probleme habe, legal erworbene CDs und DVDs abzuspielen, wenn diese „kopiergeschützt“ sind. Bei CDs verzichte ich inzwischen auf den Kauf solcher Un-CDs, bei DVDs kommt man leider kaum darum herum.
So entfallen allein 70 Prozent des Internetverkehrs in Deutschland auf die – leider meist illegale – Tauschbörsennutzung.
Noch so eine Lobbyisten-Behauptung. Eine Quellenanabe fehlt wieder. Außerdem setzt diese These voraus, dass Tauschbörsen vornehmlich für Inhalte genutzt werden, an denen die Beteiligten keine Rechte haben. Aber auch das ist eine bloße Behauptung. So werden z. B. die meisten freien Software-Programme inzwischen über BitTorrent vertrieben – und das ist völlig legal.
Frankreich und England gehen hier mit beispielhaften Initiativen voran. Dort sind Internetprovider sowie die Musik- und Filmindustrie aufgefordert, unter staatlicher Aufsicht gemeinsam mit Verbraucher- und Datenschützern Verfahren zum fairen Ausgleich der Interessen aller Beteiligten zu entwickeln.
Der Verweis auf Frankreich und England verweist auf zwei Dinge:
Letztendlich laufen diese Maßnahmen auf Zensur und prophylaktische Selbstzensur hinaus.
Haben Fatih Akin und die anderen verstanden, was sie da unterschrieben haben? Oder haben sie etwa in ihrer Jugend nie Musik aus dem Radio aufgenommen oder zu Zeiten des guten alten Videorecorders Filme aus dem Fernsehen aufgenommen? „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein!“ (Joh 8,7)
Besonders interessant finde ich ja die Unterschriften von Filmregisseuren wie Fatih Akin, Sönke Wortmann und wie sie alle heißen, deren Filme zu einem nicht geringen Teil durch öffentliche Fördergelder finanziert werden: Wenn sie ihr Geld lieber durch die Kriminalisierung jugendlicher Tauschbörsennutzer verdienen wollen, dann soll man ihnen auch die öffentliche Filmförderung streichen.
Ein Gutes hat der offene Brief: Jetzt weiß ich, von welchen Musikern und Filmregisseuren ich in Zukunft keine CDs oder DVDs mehr kaufen werde.
Hier ist die vollständige Liste:
2raumwohnung, Daniel Acht, Fatih Akin, Götz Alsmann, Stefan Arndt, Bob Arnz, Uli Aselmann, Andreas Auth, Lutz Bandte, Wolf Bauer, Claudia Baumhöver BAP, Dr. h.c Wolfgang Beck, Christian Becker, Oliver Berben, Christoph Biermann, Julia Boehme, Claus Boje, Ranja Bonalana, Dr. Jörg Bong, Prof. Dr. Heinrich Breloer, Silke Brix, Till Brönner, Burkhard Brozat, Prof. Christian Bruhn, Francesco Bruletti, Anni Brunner, Detlev Buck, Sven Burgemeister, Leander Carell, Yvonne Catterfeld, Roger Cicero, Culcha Candela, Jakob Claussen, Caroline Dabue, Samy Deluxe, Renan Demirkan, Joy Denalane, Helmut Dietl, Die Labbese, DJ Ötze, Klaus Doldinger, Bernd Eichinger, EL*KE, Peter Eötvös, Jörg Evers, Dieter Falk, Dr. Wolfgang Ferchl, Axel Fischer, Helene Fischer, Usche Flacke, Julia Franck, Egon L. Frauenberger, Amelie Fried, Molly von Fürstenberg, Joseline Gassen-Hesse, Hans W. Geißendörfer, Bijan Ghawami, Dr. Peter Gölitz, Ulrich Granseyer, Herbert Grönemeyer, Ludwig Güttler, Till Hagen, Martin Hagemann, Kirsten Hager, Klaus Hanslbauer, Titus Häusermann, Peter Heppner, Max Gerre, Gerd Hesse, Sabine Hirler, Mischa Hofmann,Dr. G.-Jürgen Hogrefe, Höhner, Dr. Gottfried Honnefelder, Klaus Humann, Viola Jäger, Christoph John, Juli, Udo Jürgens, Dr. Joachim Kaps, Ewa Karlstroem, Andreas Langenscheidt, Toni Kater, Joachim Kaufmann, Georg Kessler, Dietrich zu Klampen, Klaus&Klaus, Alexander Klaws, Patrick Knippel, Astrid Lollex, René Kollo, Meike Kordes, Harald Kügler, Mickie Krause, Joachim Król, Michael Krüger, Dieter Thomas Kuhn, Peter Lackner, LaFee, Prof. Ulrich Limmer, Udo Lindenberg, Peter Lohmann, Annett Louisan, Peter Maffay, Manfred Mai, Martin May, Helge Malchow, Marquess, Marc Marshall, Jens Meurer, Reinhard Mey, Kari Meyer, MIA., Michael Mittermeyer, Monrose, Martin Moszkowicz, Christoph Müller, Nobelpenner, Oomph!, Margit Ostewold, Erick Öxler, Wolfgang Pampel, Stefan Peters, Dr. Joerg Pfuhl, Uli Putz, Thomas Quasthoff, Rabaue, Karl-Klaus Rabe, Frank Ramond, Reamonn, Uschi Reich, Aribert Reimann, Steffen Reuter, Revolverheld, Dr. Andreas Richter, Prof. Dr. h.c. Wolfgang Rihm, Rosanne Rocci, Hilke Rosenboom, Ursula Rosengart, Rosenstolz, Jennifer Rostock, Dr. Christian Rotta, Sasha, Prof. Dr. Enjott Schneider, Philipp Schepmann, Schiller, Monika Schlitzer, Jörg Schlönvoigt, Bernhard Schmid, Kim Oliver Schmidt, Dr. Patricia Scholten, Walter Scholz, Barbara Schöneberger, Atze Schröder, Hermann Schulz, Dr. Susanne Schüssler, Jan Schütte, Til Schweiger, Scooter, Seeed, Mark von Seydlitz, Rodion Shchedrin, Ralph Siegel, Söhne Mannheims, Martin Spencker, Tom Spieß, Dagmar Stehle, Dr. Jörg D. Stiebner, Ulrich Stiehm, Dr. Henning Stump, Alexander Thies, Tokio Hotel, Imre Török, Judy Tossell, Matthias Ulmer, Andreas Ulmke-Smeaton, Ulla Unseld-Berkéwich, Philip Voges, Prof. Lothar Voigtländer, Neele Vollmar, Dr. Ralf Weigand, Stefan Waggershausen, Peter Wackel, Wagner Love, Joachim Weidler, Max Wiedemann, Ursula Woerner, Johanna Wokalek, Sönke Wortmann, Peter Zenk und Tom Zickler haben diesen Brief unterschrieben.
(via 2punkt0.org – bei Gabriel Steinbach gibt es Hyperlinks zu den einzelnen Namen)
Im Übrigen verweist schon das Layout der Anzeige auf den verwirrten Geisteszustand der Verfasser. Ein solch wirres Gemisch von verschiedenen Schriftgrößen, Fett- und Normaldruck kenne ich sonst nur von Texten, die besonders krude Verschwörungstheorien verbreiten und deren Verfasser in der Regel im klinischen Sinne paranoid sind.